Massimo Adolfo Vitale – Pionier der italienischen Holocaustforschung

Portrait (s/w) Massimo Adolfo Vitale
Portrait (s/w) Massimo Adolfo Vitale

Zwischen 1939 und 1945 ermordeten die Deutschen sechs Millionen Juden. Der Holocaust zielte auf die Zerstörung ihrer Kultur und die Verschleierung aller Spuren des Verbrechens. Dieser vollständigen Auslöschung versuchten Jüdinnen und Juden noch während des Mordens entgegenzuwirken. Sie erforschten das Geschehen, um die Dimensionen des Massenmordes und der Vernichtung jüdischer Lebenswelten sichtbar zu machen und daran zu erinnern. Im Exil, aber auch unter lebensfeindlichen Bedingungen in den Ghettos und Lagern, dokumentierten sie die Taten, sammelten Fakten und sicherten Spuren. Sie gründeten Archive und Forschungsgruppen, die nach Kriegsende ihre Arbeit fortsetzten. Einer der Pioniere dieser frühen Holocaustforschung war der Italiener Massimo Adolfo Vitale.

Fast alle italienischen Juden trauern um jemanden, der nicht zurückkehren wird und von dem man weder das Todesdatum noch den Ort des Grabes kennt. Wenn daher gefragt wird, ob sich etwas zwischen Juden und Nichtjuden in Italien verändert habe, so kann man antworten: Vor 1938 waren wir Juden in Italien Italiener, jetzt sind wir ‚jüdische Italiener‘.

-Massimo Adolfo Vitale, Ort und Datum unbekannt.

Massimo Adolfo Vitale (1885-1968) suchte Zeit seines Lebens nach den Namen der aus Italien und von den Ägäischen Inseln deportierten jüdischen Menschen. Er wird in Turin geboren und studiert dort Jura, Als dekorierter Veteran des Ersten Weltkriegs fungiert er in Eritrea, Somalia und Libyen als Repräsentant der italienischen Kolonialadministration. 1938 zwingt ihn die italienischen Rassengesetzgebung zur Aufgabe dieses Postens. Er sucht Zuflucht in England, Frankreich und Marokko. Erst 1944 kehrt er nach Italien zurück. Seine Mutter und seine Schwester werden aus Turin deportiert und ermordet

Bibliografische Karteikarte (s/w) mit Foto einer Familie (oben links).
Eine der bibliografischen Karteikarten, die von 1933 bis 1955 beim Komitee zur Recherche jüdischer Deportierter unter der Leitung von Vitale erstellt wurden. Fondazione Centro di Documentazione Ebraica Contemporanea CDEC (Milano).

Nach seiner Rückkehr beauftragt ihn das Comitato Ricerche Deportati Ebrei
(Komitee zur Nachforschung nach jüdischen Deportierten) mit der Leitung der Recherchen. Vitale organisiert Unterkünfte und Lebensmittel für Überlebende des Holocaust und nimmt 1947 am Prozess gegen den Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, in Warschau teil. Er besucht mehrere ehemalige Konzentrationslager und beginnt seine Forschungen zu Polen.

Bereits 1946 verfasst er Les persécutions contre les juifs en Italie 1938-1945 (Die Verfolgung der Juden in Italien 1938-1945). In diesem Bericht betont Vitale die Verantwortung des Vatikans und der katholischen Kirche bei der Unterstützung der Faschisten. Seine investigative Arbeit ergibt eine Liste:
7.496 Jüdinnen und Juden sind aus Italien und von den Ägäischen Inseln deportiert worden. Es überlebten nur 837.

Ab 1955 ist Vitale für das Centro di Documentazione Ebraica Contemporanea (Zentrum für zeitgenössische jüdische Dokumentation) in Mailand tätig. Er widmete sich dem Kampf gegen Antisemitismus in Italien und Polen.

Eine Seite aus Vitales detaillierter Liste italienischer Juden und Jüdinnen, die in den Jahren 1940 bis 1944 deportiert wurden. Fondazione Centro di Documentazione Ebraica Contemporanea CDEC (Milano).

Massimo Adolfo Vitale gehört zu einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich bereits so früh der Erforschung und dem Gedenken an den Holocaust widmeten. Sie verweigerten damit den Verbrecher:innen den endgültigen Triumph: Der millionenfache Mord fiel nicht dem Vergessen anheim und blieb nicht ohne Konsequenzen. Bücher, Gedenkstätten, Forschungsinstitute, Gerichtsprozesse und nicht zuletzt die UN-Genozidkonvention von 1948 waren Resultate ihres leidenschaftlichen Engagements. Auf diesem Vermächtnis beruht unser heutiges Wissen über den Holocaust.

Dieser Text zu Vitale ist Teil der Ausstellung Verfolgen und Aufklären. Die erste Generation der Holocaustforschung , die vom 24.08-10.10.2022 in der SUB Hamburg gezeigt wird. Die Ausstellung, kuratiert von der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz und des Touro College Berlin in Zusammenarbeit mit der Wiener Library London, setzt Leben und Arbeit von zwanzig dieser Pionier:innen der Holocaustforschung ein Denkmal. Namen wie Rachel Auerbach, Raphael Lemkin, Simon Wiesenthal oder Joseph Wulf stehen exemplarisch für eine kleine Gruppe unermüdlicher Aufklärer:innen. Unter widrigsten Bedingungen und oftmals gegen Gleichgültigkeit und Ablehnung schufen sie die Grundlagen für die universelle Anerkennung des Holocausts als Menschheitsverbrechen. Mehr Informationen zur Ausstellung unter blog.sub.uni-hamburg.de.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.