La Desbandá – Das Massaker von Málaga (1937)

Bis heute ist die „Desbandá“ bei der spanischen Bevölkerung außerhalb Málagas kaum bekannt. Es gibt praktisch kein institutionelles Gedenken und die wissenschaftliche Aufarbeitung geht gerade erst los.

Refugiados en la portada principal de la Iglesia Catedral de la Encarnación (1937) – Serrano Gómez, Juan José, 1885-1969

Die Carretera N-340 verbindet die Städte Cádiz und Barcelona und ist mit ihrer Länge von 12.480 Kilometern die längste Straße Spaniens. Sie durchquert auf ihrem Weg entlang der Mittelmeerküste insgesamt zehn Provinzen. Der Abschnitt bei Alicante gilt aufgrund der außergewöhnlich hohen Anzahl an tödlichen Verkehrsunfällen dabei als einer der gefährlichsten des spanischen Straßennetzes (vgl.: Garvi/ Luis 2019: 180). Besonders tödlich war diese Straße bereits einmal in ihrer Geschichte – und zwar für die Bevölkerung Málagas im Februar des Jahres 1937.

Im Sommer des vorherigen Jahres hatten Teile des spanischen Militärs unter Führung von General Francisco Franco gegen die republikanische Regierung geputscht und so einen Bürgerkrieg ausgelöst. La guerra civil española hatte auf den Kanarischen Inseln und im damaligen Spanisch-Marokko begonnen und erfasste schnell auch das Festland der iberischen Halbinsel. Die Faschisten konnten noch im Jahr 1936 bis nach Madrid vorrücken, doch der Versuch, die Hauptstadt einzunehmen, scheiterte zunächst. Im Winter 1936/1937 rückten die Truppen Francos daher in Andalusien weiter vor und griffen zunächst die Städte Cádiz und später Marbella und Granada an. Málaga wurde vom kleiner werdenden republikanischen Gebiet nahezu abgeschnitten. Die Carretera N-340 nach Alicante war die einzige verbliebene Route, auf der im Februar 1937 zwischen 3.000 und 5.000 Zivilisten ihr Leben ließen.

Zur Vorgeschichte:

Während der Zweiten Republik hatte die anarchistische und Arbeiterbewegung in Málaga so stark an Zustimmung gewonnen, dass im Volksmund stets von Málaga la Roja die Rede war (ebd.). Mit Putsch der Franquisten nahmen auch die Spannungen zwischen den Linken und den Reaktionären in der Stadt zu. Es kam zu politischen Morden und Plünderungen. Der Aufstand der faschistischen Militärs am 18. Juli 1936 konnte durch die milicias obreras noch niedergeschlagen werden. Doch durch die Eroberung andalusischer Städte suchten eine Vielzahl an flüchtenden Republikanern in Málaga Zuflucht. Die Truppen von General Quiepo, zu denen mehrere Battaillone italienischer Soldaten – camisas negras – gehörten, hatten im Januar Kurs auf die Stadt genommen. Der schnelle Vormarsch zwang Tausende Zivilisten aus ganz Andalusien dazu, aus Málaga zu fliehen. Die humanitäre Situation dort verschlechterte sich im Winter 1936/1937 zunehmend. Das Comité Nacional de Refugiados stellte Ende Januar 1937 fest, dass mehr als 50.000 Frauen und Kinder aus der Stadt evakuiert werden müssten (Prieto Borrego/ Barranquero Texeira 2007: 120). Die Aussagen des Pressechefs des Generalstabs von Queipo de Llano, einer der führenden aufständischen Generäle neben Mola und Franco verdeutlichen die Grausamkeit gegenüber der Zivilbevölkerung der Provinz Málaga:

La carretera de Marbella a Torremolinos se desliza en su mayor parte al borde mismo de la costa, debido a lo cual la intervención de la marina de guerra fue decisiva […] el „Canarias“ no tuvo que utilizar sus cañones de grueso calibre; su sola presencia espantó a los rojos y los puso en fuga hacia Málaga. Pero los cañoneros hicieron gala de su puntería. Más de una vez centraron sus proyectiles en las puertas y ventanas de las casas donde los rojos intentaban resistir […].

(Prieto Borrego/ Barranquero Texeira 2007: 121)

Auch die Bewohner der Stadt selbst waren seit Ausbruch des Krieges immer wieder Opfer von Bombenangriffen der Franquisten geworden und so herrschte im Februar des Jahres 1937 ein verzweifeltes Chaos, das der Bevölkerung keine Alternativen als die Flucht ließ. Trotz des Ernstes der Lage ging die republikanische Regierung nicht von einem Angriff auf Málaga aus und beschlossen weder eine geordnete Evakuierung noch sandten sie republikanische Truppen zur Unterstützung (Garvi/ Luis 2019: 182).

Das Massaker auf der Carretera Málaga-Almería am 08. Februar 1937:

Am 6. Februar nahmen die italienischen Soldaten die Hügel oberhalb der Ortschaft Ventas de Zafarraya in Granada ein, von denen aus man den Verlauf der Straße nach Almería überblicken konnte. Der einzige Fluchtweg, der sich nicht in den Händen der aufständischen Truppen befand, war diese Straße, die jedoch in Reichweite des Feuers ihrer Artillerie und der Kanonen der vor der Küste Málagas ankernden Kriegsschiffe lag. Inmitten des Chaos, das angesichts des drohenden Niedergangs der Stadt auf den Straßen herrschte, drangen die italienischen Truppen am 7. Februar in die Vororte von Málaga ein und übernahmen am nächsten Tag die vollständige Kontrolle über die Hauptstadt. Málaga war gefallen (ebd.). Die lokale Regierung und Militärführung hatte in den Tagen zuvor bereits in den wenigen vorhandenen Autos die Stadt verlassen, wie Arthur Koestler in seinen Berichten über den spanischen Bürgerkrieg Diálogo con la muerte – Un testamento español berichtet (2004: 59).
Batalla de Málaga

Auf der Flucht vor der unabwendbaren Besatzung und den folgenden Repressionen (Málaga La Roja hatte von den Franquisten keine Gnade zu erwarten) machten sich große Teile der Stadtbevölkerung auf den Weg nach Almería über die heutige Carretera N-340, der einzigen offenen Fluchtroute. Es war der Beginn von „La Desbandá“, andalusisch für ‚la desbandada‚ (dt. Flucht). Die meisten Flüchtenden waren zu Fuß unterwegs und waren leichte Ziele. Francos Kriegsschiffe legten sich parallel zum Verlauf der Küstenstraße und auf den Hügeln oberhalb bezog die Artillerie Stellung, unter ihnen auch das deutsche Kriegsschiff, die Admiral Graf Spee (Beevor 2008: 256). Währenddessen stiegen deutsche und italienische Jagdflugzeuge auf und kreisten über der Kolonne aus Flüchtenden. Aus Angst vor den franquistischen Erschießungskommandos in der andalusischen Stadt waren unter den Fliehenden auch republikanische Soldaten und bewaffnete Arbeitermilizen. Dies nahmen die Faschisten zum Anlass, den Flüchtlingsstrom aus der Luft, vom Wasser und von Land zu beschießen. Auf der Straße Richtung Almería gab es dabei so gut wie keine Deckung, sodass heute von 3000-5000 toten Zivilisten ausgegangen wird, auch wenn die meisten der Toten weder registriert noch ordentlich begraben wurden (Prieto Borrego/ Barranquero Texeira 2007: 7). Es ist damit das wahrscheinlich blutigste Bombardement des spanischen Bürgerkriegs mit deutlich mehr Opfern als durch den Angriff auf Guernica der deutschen Luftwaffe zwei Monate später. Zeitzeugen berichten von grausamen Bildern:

Der kanadische Arzt Norman Bethune war mit seinem kleinen Team aus Valencia nach Málaga gekommen, um die Opfer der Luftangriffe mit Blutkonserven zu versorgen. Drei Tage lang waren er und seine Helfer, der Architekt Hazen Sise und der britische Professor, Schriftsteller und Journalist Thomas Cuthbert Worsley, unermüdlich damit beschäftigt, beim Transport nach Almeria zu helfen und die Verletzten zu versorgen. Die Erfahrungen dieser Tage bewahrte der Arzt in seinem Bericht El crimen de la carretera Málaga-Almería. Die Fotos seines Kollegen Hazen Sise sind ein wertvolles Zeugnis der Geschehnisse jener drastischen Tage.

Norman Bethune transfusion unit 1936

Am 08. Februar landeten italienische Truppen in Torre del Mar (etwa 30 km hinter Málaga) um die Fluchtroute zu schließen. In anderen Dörfern entlang der Route verweigerten die Anwohner aus Angst vor Repressionen der Faschisten den Flüchtenden die Hilfe (Garvi/ Luis 2019: 182). Die Schätzungen über die Anzahl der Flüchtlinge gehen von 15.000 bis 150.000 Personen, die versuchten sich vor dem Kugel- und Bombenhagel der aufständischen Truppen spanischer, italienischer und deutscher Faschisten zu retten (ebd.: 184).

Über die Gründe:

Über die Gründe für das Massaker wird bis heute spekuliert. Fraglich ist dabei sowohl, warum die Fluchtroute so stark beschossen wurde als auch warum die republikanische Regierung weder die Verteidigung noch eine koordinierte Evakuierung durchführen ließ. Die Regierung Málagas hatte noch bis zwei Tage vor dem Sturm auf die Stadt versucht, von der drohenden Eroberung abzulenken.

Como si la guerra aún estuviera muy lejos, el domingo 31 de enero, el concejal Gabriel Ramos Guerrero presidió un acto organizado en el Málaga-Cinema por la juventud de IR. Al mismo tiempo, en el Teatro Cervantes. Lina Molina y Gonzalo Sánchez Vázquez intervenían en un mitin de la JSU. Como si la revolución aún no estuviera condenada, para el último día de la Málaga republicana se anunciaba un acto organizado por el Sindicato General de Trabajadores del Petróleo en el que iba a participar de nuevo Lina Molina por el PCE y Francisco Molina por la Asociación de Amigos de la Unión Soviética, con el tema «La vida de la mujer en Rusia».

(Prieto Borrego/ Barranquero Texeira 2007: 130)

Das am 2. Februar verhängte Verbot von privaten Funkgeräten sollte verhindern, dass die Bevölkerung von Málaga von den Vorstößen der „nationalen“ Armee erfuhr, die Queipo de Llano jeden Abend von seinem Radiosender in Sevilla aus verkündete (ebd.). Andere Stimmen gingen davon aus, dass die republikanische Gesamtstrategie die Verteidigung von Málaga aus kriegstaktischen Gründen gar nicht erst habe versuchen wollen (ebd.). Die Franquisten hatten ihrerseits die Anwesenheit einiger bewaffneter Soldaten auf der Fluchtroute als Legitimation für das Massaker an  der fliehenden Zivilbevölkerung genutzt:

[…] la presencia de milicianos por la carretera fue una realidad que la propaganda franquista trató de exagerar, aunque nunca constituyeron una fuerza amenazante, ni mucho menos justificativa de los ataques por cielo y mar que sufrió la población civil. Este hecho – la presencia de hombres armados -, parece que movió, somo se ha dicho con anterioridad, a los militares antirrepublicanos a dejar, aunque fuera por poco tiempo, el camino libre para evitar cualquier tipo de resistencia desesperada si se ocupaba antes de un tiempo perinente Torre del Mar.

(Ebd.: 150)

Es wird vermutet, dass Francos Truppen den unwahrscheinlichen, aber denkbaren Fall verhindern wollten, dass bei einer Abriegelung der Stadt die verbleibenden republikanischen Kräfte zu einer verzweifelten Verteidigung übergehen würden (ebd. : 140 f.; Garvi/ Luis 2019: 182). Fliehend waren sie ein viel ungefährlicheres Ziel.

Das Erinnern:

Bis heute ist die „Desbandá“ bei der spanischen Bevölkerung außerhalb Málagas kaum bekannt. Es gibt praktisch kein institutionelles Gedenken und die wissenschaftliche Aufarbeitung geht gerade erst los. Im Gegensatz zu den Gräueltaten von Guernica durch die deutsche Luftwaffe ist dem Massaker von Málaga wenig deutsche und internationale Beachtung zu Teil geworden. Und das, obwohl das Theaterstück Die Gewehre der Frau Carrar von Bertold Brecht (1937) die Gräueltaten thematisiert. In Spanien hatten weder die Republikaner noch die Franquisten ein Interesse daran, die Geschehnisse vom Februar des Jahres 1937 zu erinnern. Dabei kennt in Málaga fast jede Familie jemanden, der versucht hatte zu fliehen (Prieto Borrego/ Barranquero Texeira 2007: 14). Erst 2005 wurde in Torre del Mar an der N-340 eine kleine Säule aufgestellt, um der ermordeten Flüchtlinge zu Gedenken. In Málaga erinnert der Straßenname des Paseo de los Canadienses an die Taten des kanadischen Arztes Norman Bethune.

Quellen:

  • Beevor, Antony (2008): Der spanische Bürgerkrieg. Taschenbuchausg., 1. Aufl. München: Goldmann (Goldmann, 15492).
  • Chica, Francisco; autores, Varios (2011): Arcadia en llamas: República y guerra civil en Málaga, 1931-1937: Ediciones Espuela de Plata.
  • Hernández Garvi, José Luis (2019): La Guerra Civil española en 50 lugares. 1. ed. O Porriño, Pontevedra: Ediciones Cydonia (Viajes por la historia).
  • Koestler, Arthur; Erezuma, José (2004): Diálogo con la muerte. (un testamento español). Madrid: Amaranto (Memoria).
  • Prieto Borrego, Lucía; Barranquero Texeira, Encarnación (2007): Población y guerra civil en Málaga. Caída, éxodo y refugio. Málaga: Diputación de Málaga (Colección Monografías / Servicio de Publicaciones, Diputación Provincial de Málaga, 29).
  • Ramos Hitos, Juan Antonio (2004): Guerra Civil en Málaga, 1936-1937. Revisión histórica. 2a. ed. Málaga: Algazara.

 

 

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