Volker Roloff (1940-2026) – persönliche Erinnerungen

Die bricolage und ars combinatoria des europäischen Surrealismus waren ebenso wie die mittelalterliche Farce und das Stegreiftheater der commedia dell’arte Konstanten im Werk des Romanisten Volker Roloff. Wir erinnern uns in vielfältiger Weise in diesen Tagen des Abschieds an ihn, als akademischen Lehrer, Kollegen und Freund.

Diese persönlichen Erinnerungen ergänzen die bereits auf den Seiten der Universität Siegen und auf romanistik.de erschienen Nachrufe. Dieser Beitrag soll durch die Kommentarfunktion des FID-Blogs weiteren Menschen die Möglichkeit geben, dies mit eigenen Worten zu ergänzen.

Ganz im Sinne der Montage, der Bastelarbeit und des Spiels, dem Volker nicht nur sein wissenschaftliches Interesse widmete, sondern das auch zu seinem Charakter passte, soll dieser Beitrag eine Zusammenstellung von Erinnerungen ganz unterschiedlicher Art sein.

Nanette Rißler-Pipka: Das Adressbuch

Beginnen wir doch mit einem selbstgebastelten Buch. Über Jahrzehnte hinweg notierte Volker Adressen und Telefonnummern in einem Notizbuch mit einem immer weiter brechenden roten Plastikeinband, in das er immer mehr Blätter mit Tesafilm klebte. So sah man die haptisch-bildliche Erweiterung seines persönlichen und kollegialen Netzwerks in einem für den Außenstehenden scheinbar wachsenden Chaos. Alle Versuche, ihm zu dem ein oder anderen Geburtstag (diese Gelegenheiten wusste er immer streng geheim zu halten) ein neues Adressbuch zu schenken, waren zum Scheitern verurteilt. Dennoch versäumte er es bis ins hohe Alter niemals, seine Schüler:innen und Kolleg:innen zu deren Geburtstagen anzurufen – über alle Orts- und Telefonwechsel hinweg. So hielt er weit über die Pensionierung hinweg nicht nur Kontakt und nahm Anteil am akademischen Lebensweg, sondern führte weiterhin selbst die wissenschaftliche Arbeit fort: mit Artikeln, Vorträgen, Büchern und Projekten, wie zuletzt die Publikation “Marcel Proust – Lektüre und Intermedialität”, die wie immer mit einer persönlichen, handschriftlichen Widmung im November 2019 bei mir zu Hause eintraf.

Foto eines Buchs mit persönlichem Brief
Foto: Nanette Rißler-Pipka, CC BY 4.0
Die “neuen Medien”

Wenn Volker Roloff von den “neuen Medien” sprach, muss dies in den Siegener medienwissenschaftlichen Kontext eingeordnet werden, den er seit dem SFB 240 “Bildschirmmedien” (1985-2000) über das kulturwissenschaftliche Forschungskolleg “Medienumbrüche” (2002-2010) mit gestaltete. Durch die Rückbeziehung auf die romanische Kultur- und Mediengeschichte verstand er es gleichzeitig, die “neuen Medien” zu entzaubern und ihnen einen Spiegel vorzuhalten. Seine schelmischen Kommentare über die einzigen Werkzeuge, die er zum arbeiten brauche, seien ein Stift, Bücher und Papier, sind mit dem selbstironischen Wissen gewürzt, dass er seine Arbeiten auf ein Diktiergerät sprach, das weit nach seiner Pensionierung mitsamt Kassetten per Post versendet wurde.


Gesine Hindemith: Das Diktiergerät

Spielten die ,Neuen Medien‘ in der Forschung von Volker Roloff eine herausragende Rolle, so waren ihm die Medien des Alltags, wie Mailkorrespondenzen oder Textverarbeitungsprogramme, eine unliebsame Sache. Volker schrieb seine Texte auch nicht, er sprach sie auf ein kleines Tonbandgerät, seine Sekretärin verwandelte die Sprache in Schrift. Dieses verlässliche Verfahren fand ein Ende mit seiner Emeritierung, die in etwa zusammenfiel mit dem Zeitpunkt meines Studienabschlusses in Siegen. Für die Promotion wechselte ich an die LMU München, und dort angekommen, war ich nicht nur dankbar für Volkers wunderbare Gastfreundschaft, sondern auch für das Angebot, weiter ein wenig für ihn zu arbeiten. Nun tippte also ich seine Texte und erhielt eines der kleinen Tonbandgeräte, das mich von diesem Zeitpunkt an begleitete. Eine solche Schreibarbeit erscheint im Rückblick vielleicht antiquiert und vor allem ersetzbar: Das kann heute einfach die KI übernehmen, und vielleicht sogar besser? Ja, vielleicht, aber mir würde eine unfassbar wertvolle Erfahrung fehlen, nämlich die, an der Entstehung von Volkers Texten teilzuhaben, am Rhythmus seiner Gedanken und Formulierungen, die er so erstaunlich klar diktierte. Jede noch kommende Windung des Satzes schien bereits in seinen Gedanken präsent, ohne dass seine Sprache jemals hastig wurde.

Heute denke ich voller Dankbarkeit an die Jahre in München, daran, wie ich die einzelnen Stufen seiner Arbeit miterfahren durfte. War der diktierte Text erstmal als Datei gespeichert und gedruckt, trug Volker handschriftlich Verbesserungen und Erweiterungen ein; was nicht auf das Blatt passte, fügte er an: Papierstreifen mit manchmal unfassbarer Länge wurden mit Tesafilm an das Manuskript angeklebt. Ich integrierte, Volker las und ergänzte erneut, bis der Text fertig war.

Foto eines Buches, eines Diktiergeräts und einer Kassette
Foto: Gesine Hindemith

Kurz bevor die Nachricht seines Todes mich erreichte, war mir beim Aufräumen sein Diktiergerät in die Hände gefallen, in dem sich noch eine Kassette befand. Ich erkenne sofort den Text des kleinen Buches über Proust und Tausendundeine Nacht: ‚Marcels Lieblingslektüre und der Orientalismus in der ,Recherche‘, das im Jahr 2009 erschienen war. Die Mitarbeit an diesem Text hat meine eigene Lektüre der Recherche auf eine sehr schöne und poetische Weise geprägt, geht es doch um die „génies“, die Proustsche Version der „Djinnen“, der Feen und Dämonen aus Tausendundeine Nacht, die überall im Text als geheimnisvolle Figuren auftauchen und zum Erzählprinzip werden. Diese Art des Entdeckens von versteckten und überraschenden Korrespondenzen und Prinzipien, die der Literatur und anderen Medien zugrunde liegen, ist etwas, das ich bei Volker Roloff gelernt habe. Wenn ich heute unterrichte und selbst schreibe, ist in meinem Blick auf die Literatur auch immer etwas von dieser Art dabei, das Besondere, Rätselhafte, Versteckte und Überraschende zu entdecken. Ich begreife es heute als die eigentliche Essenz dieser Arbeit und bin zutiefst dankbar, einen solchen Lehrer gehabt zu haben.


Tanja Schwan: Das Mensaessen in geselliger Runde

Zwar stand ich Volker nicht so nahe wie manch andere hier, bin ich doch erst auf Umwegen und in zweiter Generation zu seiner Schülerin im Geiste der Intermedialität geworden. Dennoch mochte und schätzte ich ihn als Persönlichkeit, die mich mit ihrer besonderen Integrationsgabe über meine Siegener Zeit hinweg begleitet hat: durch interne Kolloquia in seinem von unseren Rauchschwaden vernebelten Büro (was er als Nichtraucher gelassen hinnahm, so unvorstellbar es heutzutage auch klingt), durch die offiziellen Veranstaltungen des Forschungskollegs „Medienumbrüche“, die wir als Teilprojekt um Walburga Hülk gemeinsam mit „den Roloffs“ bestritten (allein, dass sich uns der Familienname für Volkers Projektgruppe quasi aufdrängte, spricht Bände), durch die anschließenden Abende im legendären „Netpher Hof“ – vor allem aber unsere regelmäßigen Mittagessen am Unicampus in mehr oder weniger großer Runde und wechselnder Besetzung.

Bei diesen Gelegenheiten, zumal nach den Ferien oder längerer Abwesenheit, begrüßte uns Volker standardmäßig mit der Frage, was wir in den vergangenen Tagen, Wochen oder Monaten an Büchern, Rezensionen, Zeitungsartikeln gelesen, welche Kinofilme, Theaterstücke, Ausstellungen wir gesehen hätten, wohin wir physisch oder imaginär gereist seien. Die Mensa (alternativ: das vollgequalmte Büro) wurde so zu einem Ort lebendigen Austauschs, den man nie ohne den neuesten Input verließ, unschätzbar bereichert um Tipps, was es als nächstes zu lesen, anzuschauen oder zu besuchen galt. In zwangloser Atmosphäre konnte man sich dort praktisch en passant über die aktuelle Literatur- und Kulturszene auf dem Laufenden halten und zu eigenen Erkundungen inspirieren lassen. Diese lieb gewonnene Konstante habe ich nach meinem Weggang aus Siegen schmerzlich vermisst. Dass Volker das Mensa-Restaurant „Ars mundi“ zur Location wählte, um seinen Abschied aus dem ‚aktiven‘ Dienst zu feiern, erscheint da nur konsequent.

Unvergessen – und unbedingt nachahmenswert – bleibt auch sein augenzwinkernd vorgetragenes Amtsverständnis als Romanist, der noch im Träumen arbeitet. Volker Roloff repräsentierte einen Typus Professor, wie er heute selten geworden ist. Seine eng beschriebenen Vortragsmanuskripte, die er mit ausklappbaren Papierfensterchen beklebte, um darauf per Rotstift die jüngsten Ideen zu notieren (siehe oben “Adressbuch” und “Diktiergerät”), schienen ebenso mediale Extensionen seines Körpers und Charakters wie jene chaotisch anmutende Zettelwirtschaft auf seinem Schreibtisch, die er derart souverän beherrschte, dass es ihm stets treffsicher gelang, das einzig richtige Blatt aus den Tiefen eines jeden Stapels herauszufischen. Volker Roloff wurde zu einer maßgeblichen Referenz in der Medientheorie, ohne sich je im Theoretischen zu verlieren, da er es wie selbstverständlich an ästhetische Gegenstände rückzukoppeln wusste. Mit seiner schieren Präsenz, Zugewandtheit und Fähigkeit, andere zu begeistern, verstand er es wie kein Zweiter, Gemeinschaft zu stiften, indem er Menschen um sich scharte und die spezifische Prägung seines Denkens an sie weitergab.

Es freut und rührt mich, dass wir ehemaligen Siegenerinnen und Siegener, so verstreut wir heute über ganz Deutschland und die Welt sind, uns in unserer Trauer um Volker vereint wissen, sein intellektuelles Erbe teilen und fortführen dürfen. Nicht zuletzt ihm haben wir es zu verdanken, dass tragfähige Freundschaften sich über raum-zeitliche Distanzen hinweg erhalten haben und es sich bei jedem Zusammentreffen auch nach Jahren wieder so anfühlt, als hätten wir uns gerade mal vor ein paar Stunden mit einem Kaffee im Bistro am Haardter Berg verabschiedet.

Nichtsdestoweniger hinterlässt Volker eine Lücke. Die Welt ist ärmer geworden ohne ihn. Sein Platz in unseren Gedanken und Herzen aber bleibt.

Gregor Schuhen: Volker-Fragmente

Wenn ich an der Uni oder auf einer Tagung gefragt werde, wer denn mein Doktorvater oder meine Doktormutter sei, sage ich immer: Ich habe Doktoreltern. Das sorgt meistens für verwunderte Reaktionen, aber anders kann ich es nicht sagen. Klar, meine Erstbetreuerin war von Anfang an Walburga, Volker „nur“ mein Zweitbetreuer. Aber Tatsache ist, dass mich beide gleichermaßen geprägt, gefördert und zu dem gemacht haben, der ich heute bin. Bourdieu hat mal gesagt, dass er die deutsche Sprache um den Ausdruck des „Doktorvaters“ beneide, den das Französische nicht kennt (eine „Doktormutter“ kam ihm offenbar nicht in den Sinn). Darin drücke sich eine tiefe Beziehung aus, die meist über das gemeinsame Arbeiten hinausgehe. Es lag ganz sicher an den insgesamt familiären Strukturen der alten Siegener Romanistik, dass ich mich stets inmitten einer großen Ersatzfamilie wähnte mit zahlreichen Geschwistern, mit guten Freunden und Freundinnen der Familie, mit mütterlichen Beraterinnen. Ich weiß nicht, wo ich ohne dieses Netzwerk gelandet wäre, ohne dieses Netz, das einen stets nach unerwarteten Abstürzen wieder aufgefangen hat.

In einer Zeit, in der sich das Leben meiner „biologischen“ Eltern auf der Zielgeraden befindet, hat mich die Nachricht von Volkers Tod tief erschüttert, meine Mutter ist auf den Tag ein Jahr jünger als Volker. Und seit es die Idee dieses Blogposts hier gibt, überlege ich fieberhaft, was ich dazu beitragen kann, welche Erinnerungen an Volker mir besonders im Kopf und im Herzen geblieben sind. Es sind meistens kleine Fragmente, kurze Szenen, keine große Erzählung.

 Frühjahr 2001: Ich besuche in meinem letzten Semester mein erstes Seminar bei Volker. Ein Hauptseminar zu Hugos Notre-Dame de Paris und Balzacs Père Goriot. Als einzige weitere Studentin sitzt neben mir eine gewisse Andrea Stahl, von der ich wusste, dass sie als Volkers Hilfskraft arbeitete. Ich bin kurz davor, meine Teilnahme wieder abzusagen, da mir diese intime Runde doch ein wenig zu intim ist, bleibe aber. Und habe es nie bereut. Das Seminar wurde dann kurzerhand in Volkers Büro verlegt, wo wir uns dann Woche um Woche vor einer gigantischen Wand von VHS-Kassetten trafen. Wir lasen nicht nur Hugo und Balzac, sondern auch Foucault und Bachtin. Was für eine Offenbarung! Und zugleich das Bedauern darüber, dass dies gleichzeitig mein erstes und auch letztes Seminar bei Volker war.

 Herbst 2001: Nach meiner letzten Magister-Prüfung läuft mir abends Volker im dunklen Flur über dem Uni-Bistro über den Weg. Ich erzähle ihm freudestrahlend von meinen Prüfungen. Er lotst mich sogleich in sein Büro und fängt an, seinen Schrank zu durchwühlen. „Ich habe leider keinen Sekt mehr, aber einen Calvados könnte ich dir anbieten.“ Aus Höflichkeit nehme ich das Angebot an und trinke den ersten und letzten Calvados meines Lebens.

 Sommer 2002: Volker schlägt mir vor, in die Marcel-Proust-Gesellschaft einzutreten. Im Juli findet eine „Sommer-Matinée im Hause des Präsidenten“ statt. Nun, „Haus“ ist maßlos untertrieben – eine mondäne Villa am Rande des Stadtwalds in Köln. Ich bin froh, dass beide Doktoreltern an diesem sonnigen Tag dabei sind und noch froher, dass ich für diesen Anlass den einzigen verfügbaren Anzug aus meinem Kleiderschrank gefischt habe. Nicht nur das Anwesen ist mondän, vor allem die Gäste schüchtern mich ein: flatternde Sommerkleider, Sektempfang, Hüte, Krawatten, Smalltalk, Klavierspiel und zwei beeindruckende Windhunde. Und Volker läuft in seiner Jeans und den Turnschuhen durch die elitäre Gesellschaft wie ein Fisch im Wasser. Jeder begrüßt ihn lächelnd, er lächelt zurück. Nach der Mittagspause nimmt er Walburga und mich zur Seite und schlägt vor, das Event sofort zu verlassen. Die deutsche Nationalmannschaft steht um 13h im Finale der Fußball-WM gegen Brasilien. Wir gehen heimlich in ein benachbartes Hotel, bestellen Bier und schauen zu dritt den Deutschen beim Verlieren zu, während 200m entfernt eloquente Bonmots über den Autor der Recherche ausgetauscht werden.

 Sommer 2007: Heute kommen sie alle noch einmal zusammen. Auch diejenigen, die längst in alle Winde verstreut sind. Neben dem Bistro und der Graduiertenlounge gehört das Ars Mundi zu Volkers Lieblingsorten an der Uni Siegen. Ausgerechnet dort seinen Abschied zu feiern, ist nur folgerichtig. Immerhin ist Volker der Einzige, der stets überfreundlich vom meist launischen Chef begrüßt wurde. Warum das so ist, bleibt Volkers Geheimnis. Dieses Geheimnis besteht darin, dass es wohl niemanden gibt, der Volker nicht mochte. Selbst das eisige Herz eines tyrannischen Küchenchefs brachte er zum Schmelzen. Neben vielen wertvollen fachlichen Ratschlägen, die wir alle von Volker mit auf den Weg bekommen haben, ist vielleicht dieser der Wichtigste: Seid freundlich zu Euren Mitmenschen!

 2010-2025: Wann immer ich in München bin, rufe ich vorher Volker an und kündige meinen Besuch an. Mal mit Walburga, mal mit meinem Mann, mal ganz allein. U-Bahn-Haltestelle Arabellapark, dann 10 Minuten zu Fuß zum Bernt-Notke-Weg. Volker und Liana lebten in einem unscheinbaren Haus an der Stelle, wo die Straße einen leichten Knick macht. Als mich Volker beim ersten Mal noch mit seinem blauen Mazda an der Haltestelle abholt, wundere ich mich, dass er sein geparktes Auto nicht abschließt. Lautes Lachen – dieses typische arhythmische Volker-Lachen – „Den klaut sowieso niemand!“ Volkers Büro sieht in etwa so aus wie sein legendäres Adressbuch – Nanette berichtet davon. Auf dem Wohnzimmertisch stehen immer Pistazien in kleinen Schälchen, dann kommen die obligatorischen Piccolo-Fläschchen. Dann irgendwann der Moment, an dem sich Liana an ihren Flügel setzt und eine Kostprobe ihres Könnens gibt. Abends dann ein Abstecher in die Marienburg, wo Volker seine geliebte Gänsekeule mit Knödeln bestellt – der Rotkohl in derselben Farbe wie sein Pullover.

Im letzten Jahr waren Walburga und ich zum letzten Mal in Bogenhausen. Sämtliche Rituale mussten trotz sichtbarer Mühen eingehalten werden. Liana spielte Debussys Jardin sous la pluie. Ich hatte Tränen in den Augen.


Marijana Erstić: Live und in Farbe – Erinnerung an Volker 

https://www.cultd.net/borso/roloff/ – eine trouvaille von Marijana Erstic

Vor mir ist bereits vieles beschrieben worden, was auch ich in Volkers Nähe erlebt habe – eine verspielte intellektuelle Kraft und eine Freundlichkeit, die begeisterte und faszinierte. Es herrschte der Genius loci der damaligen Forschungsstätten der Uni Siegen, die legendären Tagungen und Essen von Ars Mundi bis zum Netpher Hof, die Flurgespräche, die Disputationen, die unsere Doktoreltern (Danke, Gregor!) zu einem der schönsten Tage im Leben gemacht haben. Ähnlich wie Tanja stand ich Volker nicht so nahe wie viele andere in dieser trauernden Runde. Aber ich habe in dieser fruchtbaren und wunderbaren Atmosphäre jahrelang gelebt, meine ersten Aufsätze veröffentlicht und gewissermaßen das wissenschaftliche Arbeiten und Publizieren gelernt. Dafür bin ich Volker, der das ermöglicht hat – und auch anderen in dieser Runde, die die Bücher herausgegeben und betreut haben, Isa, Nanette, Uta, Michael, Andrea, Gesine und andere – sehr dankbar!

Die Nachricht von Volkers Tod hat mich sehr traurig gemacht. Ich setzte mich an den Rechner und suchte im Internet nach Dokumenten und Materialien. Dabei fand ich einiges – Bücher, den DFG-Eintrag über die Projekte, Texte und einen Vortrag von Volker aus den fernen 1990er-Jahren als Filmaufnahme. Den Vortrag finde ich wunderbar und werde Volker genauso in Erinnerung behalten.


Walburga Hülk-Althoff: 30 Jahre Freundschaft mit Volker

 Mit Volker verbinden mich eine geglückte Zusammenarbeit und eine dreißigjährige Freundschaft – gemeinsame Projekte, viele Abendessen, das Frühstück in unserer „Uni-WG“ in der Pension Kühn in Netphen, und später wöchentliche Telefonate und hin und wieder, allein oder mit Gregor, ein Besuch im Haus Bernt-Notke-Weg 6 in München, zuletzt im August 2025. Wir redeten, Liane spielte Débussy und Skrjabin für uns, und dann gingen wir in die Marienburg oder zum Griechen. Vier Tage vor seinem Tod, während ich mit Liane sprach, vernahm ich zum letzten Mal ein Lebenszeichen von Volker.

Vor einigen Tagen schickte mir Gerhard Volkers letzten Artikel eines „wegen Corona“ nie gehaltenen Vortrags. Er wird in der RZLG erscheinen. Es ist ein Text über Goyas Caprichos, und es heißt an einer Stelle über das Capricho 43, dass „sich der Künstler als Schläfer und Träumer darstellt, umgeben von Fledermäusen, Eulen, einem Luchs und einer Katze.“

Radierung des Künstlers Francisco de Goya zeigt eine Person schlafend auf einen Tisch gestützt und Eulen und Fledermäuse im Hintergrund
Francisco de Goya: Capricho № 43: El sueño de la razón produce monstruos (1797-1798), public domain

Volkers Tod hat mich erschüttert, und nun kann ich ihn nicht einmal auf seinem letzten Weg begleiten. Ich werde am 21. Oktober in Vermont an ihn denken, dort, wo ich den Spuren eines anderen Träumers und Forschers nachgehen werde, der die flüchtige Schönheit von Schneekristallen in einem Archiv von mehr als 5.000 Fotos bewahrte. Davon hätte ich Volker gerne noch erzählt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert