Heute möchten wir Sie auf ein interessantes Gespräch hinweisen, mit dem Johanna Vollmayer und Amelia Sanz von der Forschungsgruppe LEETHI 1REC-LIT: Reciclajes culturales. Transliteraturas en la era postdigital eine Interviewreihe initiieren zu erfüllten und unerfüllten Versprechen der Archivdigitalisierung. Das Interview mit Esther Cruces, der ehemaligen Vize-Direktorin des Archivo General de Indias, beleuchtet 30 Jahre Digitalisierungsgeschichte spanischer Archive.
Esther Cruces beschreibt das wegweisende Informatisierungsprojekt des Archivo General de Indias (1986-1994), das zur Expo ’92 in Sevilla entstand. Die Kooperation zwischen dem spanischen Kulturministerium, der Stiftung Ramón Areces und IBM España wurde mit über 1,3 Milliarden Peseten finanziert und von der UNESCO sowie dem Internationalen Archivrat als wegweisend anerkannt. Das Projekt etablierte drei zentrale Subsysteme: Dokumentenverwaltung, Informationssystem und digitale Bildspeicherung.
Die Auswahlkriterien für die Digitalisierung waren und sind: Dokumentenschutz durch Vermeidung physischer Handhabung, Digitalisierung vollständiger Dokumentenserien, maximaler Nutzen für Forschende und geografische Abdeckung aller mit der spanischen Monarchie verbundenen Territorien. Entscheidend war der bereits vorhandene Erschließungsgrad der Dokumente. Etwa 12% der Archivbestände wurden damals erfasst.
Cruces betont, dass Archive nicht nach thematischen, sondern nach organisch-strukturellen Kriterien arbeiten, die die historische Verwaltungsstruktur widerspiegeln. Die Digitalisierung erfordert spezialisiertes Personal, kontinuierliche technische Investitionen und Qualitätskontrollen, koordiniert durch den Servicio de Reproducción de Documentos (SRD) des Ministeriums. Neue Projekte entstehen sowohl archiv-intern als auch durch externe Kooperationsvereinbarungen.
Ein kritischer Punkt bleibt die unzureichende gesellschaftliche Wertschätzung von Archiven in Spanien. Cruces plädiert für mehr Mäzenatentum und öffentliches Verständnis, dass Archive Garanten bürgerlicher Rechte sind und nicht bloß Aufbewahrungsorte „alter Papiere“. Die Digitalisierung sieht sie als wesentlich für den demokratischen Zugang zu Dokumenten und zur Überwindung der digitalen Kluft, insbesondere im Kontext von Erinnerungsgesetzen und der in Spanien diskutierten Agenda 2030.
Lesen Sie den Text im Blog Rec Lit – Un blog sobre reciclaje literario postdigital: “Los archivos son nuestra garantía de derechos”: Entrevista con Esther Cruces (4-11-2025) por Johanna Vollmayer y Amelia Sanz