Heute stellen wir einen interessanten wissenschaftlichen Artikel vor, auf den wir im lesenswerten Blog BiblumLiteraria (El origen de los lenguajes es algo distinto a la evolución de los mismos) gestoßen sind: In seinem Übersichtsartikel „Reclaiming origins, reframing evolution“ (Trends Open, 2026) plädiert der Evolutionspsychologe Adriano R. Lameira (University of Warwick: Coventry, GB) für eine Neuordnung der Debatte um den Ursprung der Sprache.

Lameira unterscheidet zwei bislang vermischte Phasen: die Vorursprungsphase, in der die eigentlichen evolutionären Ursachen sprachlicher Generativität liegen, und die Nachursprungsphase, die sich retrospektiv nicht zur Erklärung der Entstehung eignet. Sowohl die computational-mechanistische Schule (die ein plötzliches, mutationsbedingtes „Alles-oder-Nichts“ annimmt) als auch die funktional-ökologische Schule (die graduelle Selektionsvorteile postuliert, ohne Vorläuferformen konkret zu benennen) greifen laut Lameira zu kurz.
Als Ausweg schlägt er das Konzept der Exaptation vor – die Umfunktionierung bereits vorhandener hominider Verhaltensweisen – und entwirft ein mehrdimensionales, datengestütztes Modell: „Goldilocks-Zonen“ ökologischer und biologischer Bedingungen, die die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Generativität über Arten und Regionen hinweg kartieren. Als Grundlage dienen aktuelle Befunde zur Lautkombinatorik bei Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans. Der Beitrag öffnet die Sprachursprungsforschung damit für die Primatologie und denkt Sprache konsequent als evolutionäres, nicht ausschließlich menschliches Phänomen.
Im Abstract heißt es:
This review addresses the longstanding debate on language generativity by distinguishing pre-origin evolutionary causes from post-origin consequences. Disputes have arisen from a lack of clarity regarding the two different phases along language’s evolutionary timeline, each characterised by its own putative selection regimes and phenotype gradients. A testable, multidimensional framework is introduced to map generativity likelihood across ecological complexity gradients and biological traits, delineating ‘Goldilocks zones’ for language origin in hominids and potentially other species.
Der Artikel kann hier gelesen werden: Reclaiming origins, reframing evolution: Language origin is distinct from language evolution.