Twitternarrativik im neuen tuiteratura-Portal La Hiloteca

Das Internet ermöglicht neue Formen des Erzählens und der Literatur. Zwei prägende Autoren von Fortsetzungsgeschichten bei Twitter sind @ManuelBartual und @modesto_garcia. Sie haben nun im Portal La hiloteca eine ganze Reihe von Twitter-Geschichten gesammelt (tuiteratura). Auf Twitter finden sich die „mejores historias de Twitter en español“ unter @LaHiloteca. Der Name leitet sich von den hilos de Twitter ab – also den Twitter-Threads, in denen jeder einzelne der aneinandergeketteten Tweets einen kleinen Teil der Geschichte erzählt.

In der Kategorie #Interactivo findet sich beispielsweise die Geschichte Twitter ha hablado von Follaldre (@follaldre), der 24 Stunden lang alle Entscheidungen Twitter überließ. So führt Follaldres an seine Leserschaft delegierte Hemdenauswahl zum Kauf eines neues Bügeleisens – wovon in einer Kombination aus getwittertem Text, einer Pollgrafik und einem Foto erzählt wird:

Andere Subgattungen, welche die Seite aufführt, sind z.B. #Misterio, #Humor, #Ciencia-ficción, #Amor, #Familia und #No ficción. Eine aktuelle Geschichte aus dem Bereich No ficción ist Aurelio y Elvira von Andrea @MenendezFaya: Das Liebespaar wird im Spanischen Bürgerkrieg voneinander getrennt, als sich Aurelio dem Widerstand anschließt. Per Twitter-Bildfunktion wird die Geschichte von einigen Originalfotografien illustriert, welche im Rahmen des Microbloggings sehr anachronistisch wirken, sich aber gerade der Heraufbeschwörung eines Stücks kollektiver Vergangenheit inklusive ihrer emotionalen Seite verschreiben:

Die prägenden Twittergeschichten von Manuel Bartual entstehen seit 2017. Damals begann es mit diesem Tweet:

Über insgesamt 401 Tweets hinweg wird die Geschichte um einen Urlaubsaufenthalt erzählt, bei welchem dem Erzähler seltsame Dinge passieren. So steht ein unbekannter Mann in seinem Zimmer, der unverständliches Spanisch in völlig ungeordneten Wortfolgen spricht. Die einzelnen Tweets bilden oftmals ein Kontinuum, dann wieder geht mit den Zäsuren zwischen den Tweets Hiate und Ellipsen einher: „Vale, ha pasado algo.“ Gelegentlich tritt durch Nutzen der Fotofunktion von Twitter eine Bildebene hinzu. In diesem Beispiel dient sie nicht lediglich illustrierenden Zwecken, sondern integraler Bestandteil des Erzählten. („Una tarjeta como esta:“) Ein anderes Mal ersetzt ein eingebettetes Video die Erzählerrede. Wie viele der hilos überschreitet auch diese Geschichte die Grenzen der Fiktion etwa dann, wenn die Lesenden beim Ordnen der Bausteine einer Nachricht helfen sollen. Das Ergebnis:

Über die Gattung dieser Geschichten wird eifrig diskutiert. Ana Calvo grenzt sie vom microrrelato ab, da sie ihrer Einschätzung nach mitunter ästhetische Qualität vermissen lassen. Manuel Bartual unterscheidet, wie ein Artikel in YOROKOBU offenbart, die Erzählungen aus anderen Gründen von Literatur: So glaubt er, dass die Bezeichnung tuiteratura „hace demasiada referencia a la literatura y utilizar Twitter como medio para la ficción suele tener tanto de literario como de audiovisual. Es un medio híbrido.“ Er schlägt stattdessen vor, die Threads als posficción zu bezeichnen, und denkt dabei an einen Geschichtentyp, den er für besonders prägend für die Plattform hält und den er auch selbst kultiviert:

aquella que juega con los límites entre realidad y ficción, el tipo de historia que te puede llegar a hacer dudar sobre si lo que te están contando es cierto o no. (Manuel Bartual, Yorokobu)

Für die spezifische Rezeptionsweise dieser hilos hält er es für entscheidend, dass man nie weiß, wann die Geschichte durch den nächsten Tweet fortgesetzt wird – worin er eine Verbindung zum gleichfalls fortsetzungsbasierten Feuilletonroman sieht.

Ob man nun die Unmittelbarkeit der Produktion und der Kommunikation mit den Rezipierenden in den Vordergrund rückt (Andre Menénez) oder die Interaktion zwischen eben jenen Instanzen der literarischen Kommunikation (Modesto García) – auffällig ist, dass diese Art der Literatur eine Vielzahl von Zwischenräumen zwischen den Schaffenden und Rezipierenden als Instanzen der Kommunikation eröffnet sowie zwischen den Ebenen von Fiktionalität und Faktualität.

Natürlich wird nicht nur auf Spanisch das Verhältnis von Twitter und Literatur ausgelotet. Nur ein paar Schlaglichter: Bereits 2008 sprach ein Blogger der New York Times von der auf Twitter entfalteten Form des Thrillers als „Twiller“; 2009 ist das Buch Twitterature: The World’s Greatest Books in Twenty Tweets or Less von Alexander Aciman und Emmett Rensin erschienen. Florian Meimberg erhielt 2010 den Grimme Online-Award für seine Mikrofiktionen in 140 Zeichen. Die Twitter-Community versucht sich an Verdichtungen literarischer Klassiker unter . Die Frankfurter Buchmesse kooperierte 2014 erstmals offiziell mit Twitter – unter dem Hashtag #Twitteratur schrieben etwa @beck_zoe, @Marc_Elsberg und @ConstanzeWilken Kurzromane per Kurznachrichtendienst. In Frankreich existiert seit 2018 ein Concours de Twittérature. Auch Twitterlesungen gibt es nicht nur in Deutschland seit über 10 Jahren. In jedem Fall handelt es sich um eine lebendiges Phänomen, wie auch das Stattfinden der Feria del hilo zeigt. Überhaupt wurde schon oft festgestellt, dass Twitter und Literatur interagieren. Auf Twitter selbst wurde für dieses Thema unter anderem der Hashtag #TwitterPhilologie ins Leben gerufen.

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